Saudade do Brazil Konzertplakat

Chor cantori contenti

Andemir Candido, guitar; Dudu Penz, bass; Eduardo Costa, drums;
Thomas Plüss und Christine Kessler, sax; Christian Plüss, pos;
Lars Aumann, trp

Leitung und Arrangements: David Schneider, Jimmy Muff

Spinni Halle Baar
24. und 25. Januar 2003

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Die Sehnsucht nach Brasilien (Saudade do Brasil) hat die cantori contenti gepackt. In einem Konzert voller Rhythmus und Melancholie präsentiert der Zuger Chor die Musik der grossen brasilianischen Komponisten – unter ihnen Gilberto Gil, Ivan Lins und der einzigartigen Tom Jobim.

 

Pressestimme

Cantori contenti, Spinni-Halle, Baar

Von der Sehnsucht nach Brasilien

Um originelle Ideen bei der Projektplanung sind die Cantori contenti noch nie verlegen gewesen. «Saudade do Brasil» bestätigt das.

Jedes Mal darf das Organisationsteam dabei eine Sängerschaft hinter sich wissen, die - für welche Idee auch immer - zu grossem Enthusiasmus und Engagement fähig und bereit ist. Die Abenteuerlust und die Dynamik, mit denen das Projekt angegangen und vorbereitet worden war, waren durch das ganze Konzert hindurch als gewinnender Impetus unverfälscht herauszuspüren. So liess allein schon das Auftreten des Chors keine Zweifel daran, dass sich die Sängerinnen und Sänger das Thema ihres neusten Projekts, die brasilianische Unterhaltungsmusik der letzten Jahrzehnte mit Werken unter anderem von Gil, Lins und Jobim, zur Herzenssache gemacht hatten. Von der brasilianisch kaffeebohnenbraunen, meerblauen und palmengrünen Bekleidung bis hin zur sympathisch ungezwungenen Ansage übermittelte der Chor seine ganze Lust und Freude hinüber ans Publikum.

 

Perfekte Chorleistung

Der grosse Aufwand, mit dem die Organisatoren den ganzen folkloristischen Stimmungsrahmen in der Baarer Spinni-Halle aufgebaut hatten, war in verdichteter und gesteigerter Form in die enorme musikalische und probentechnische Vorarbeit investiert worden. Unter seinen Leitern David Schneider und Jimmy Muff zeigte sich der Chor in glänzender sängerischer Disposition. Intonation und Artikulation liessen keine Wünsche offen. Die melodische Agilität des Klangkörpers innerhalb der oft überfrachteten Rhythmik war stupend. Mühelos wurden die oft clusterartig gebauten Akkordfolgen durchgespielt.

Skandierte Begleitpartien gerieten metrisch überaus präzis. Einige Soli von Stimmgruppen hätten dagegen noch etwas mehr Strahlkraft vertragen. Nicht zuletzt ist aber die grosse Gedächtnisleistung, das ganze Programm auswendig vorzutragen, besonders hervorzuheben.

Trotz dieser fraglos überragenden Chorleistung und in eklatantem Kontrast zu der genannten Schwungkraft vermittelte das Konzert aber eine eigentümliche Monotonie. Die Gründe mögen zum Teil situativ gewesen sein, sie sind aber auch in Fehleinschätzungen zu sehen. Unbefriedigend war zunächst die klangliche Realisierung. Begleitet wurde der Chor von einer virtuos und elektrisierend aufspielenden Band, die sich aus professionellen brasilianischen Gitarristen und Perkussionisten sowie aus Schweizer Bläsern zusammensetzte. Ihr verdumpfter Klang war das Resultat einer wenig feinfühligen elektronischen Abmischung. Gegenüber dem Chor war die Band zudem fast konstant zu laut.

Gleichförmigkeit erzeugten aber auch die in ihrer harmonischen Machart zu ähnlichen Arrangements, die durch das Programm hindurch wenig variierte Rhythmik sowie das von der Lautstärke der Band gesprochene Verdikt an den Chor, immer quasi in einem und demselben Forte-Register zu singen.

 

Überzeugender Schluss

Zudem wirkte die Unüberbrückbarkeit von brasilianischer Körpermusik und helvetischer Bodenhaftung zunehmend beklemmend. Das Mitwippen der Sänger wurde schnell mechanistisch - warum hatte man sich bloss so bewegungsfeindlich auf diesem schmalen Podium zusammengedrängt?

Gerade aber in einer gepflegten Wiedergabe kann besonders deutlich werden, dass Herzenssache keine Seelenverwandtschaft impliziert und urwüchsig entstandene fremde Unterhaltungsmusik - bei allem «feu sacré» - wenn nicht gelebt, dann auch kaum einverleibt oder interpretiert, sondern bloss imitiert werden kann. Das mag auch die Cantori contenti in einige Befangenheit geführt haben, aus der sie sich aber gegen Schluss des Konzerts - etwa mit der spritzigen Wiedergabe des gilschen Ohrwurms «Madalena!» - wieder befreien konnten.

 

ANDREAS NIEVERGELT, Neue Zuger Zeitung, 27. Januar 2003

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